G8-Plenum: Gewaltorgien der Polizei werden bekannt - und das in weit größerem Ausmaß als bisher schon vermutet
BochumerInnen, die an den Protesten und Blockaden gegen den G8-Gipfel teilnahmen, berichten von Gewaltorgien der Polizei gegen friedliche DemonstrantInnen. Die jungen BochumerInnen sind geschockt und teilweise traumatisiert von der Brutalität der Polizei. In den Medien stand die Berichterstattung über die friedlichen Blockadeaktionen im Mittelpunkt, doch zunehmend wird die unsägliche Gewalt der Polizei bekannt:
[linkszeitung.de] »In den Tagen nach dem G8-Protest werden immer mehr Details von Polizeiübergriffen öffentlich. Betroffene schildern in Internet-Portalen ihre Erlebnisse. Deutlich wird, dass Polizisten Gipfel-Kritiker beschimpft, beleidigt, geschlagen und misshandelt haben - und das in weit größerem Ausmaß als bisher schon vermutet. Nach Berichten von Anwälten ist es bei Festnahmen häufig zu brutaler Gewaltanwendung gekommen. Polizisten weigerten sich, verletzte Demonstranten zu versorgen. Stattdessen wurden sie häufig direkt in die Gefangenen- Sammelstellen gebracht. Dort wurden sie in enge Verschläge gesperrt. Die Unterbringung der festgenommenen Demonstranten wird als “Käfig-Haltung” kritisiert.
Auf der Heimfahrt zum Camp Reddelich ist ein Fahrradkonvoi am 2. Juni regelrecht überfallen worden (wir berichteten). Die 30 Radfahrer wurden mit einem gefährlichen Manöver auf der Bundesstraße 105 gestoppt. Aus fahrenden Polizeifahrzeugen wurden sie geschlagen und mit Reizgas besprüht.
Bei der Demonstration am 4. Juni zum Thema “Migration” wurden Teilnehmer durch die Polizei bedroht: “Wir werden uns für Samstag rächen, wenn Ihr hier weiter demonstriert”, “Wollt Ihr sterben?”, “Geh, oder du erlebst den heutigen Tag nicht mehr!”. Die Demonstration war angemeldet und nahm seitens der etwa 10.000 Demonstranten einen störungsfreien Verlauf. Polizeieinheiten versuchten wiederholt, die Teilnehmer zu provozieren. Mehrmals wurde unangekündigt Pfefferspray eingesetzt.
Noch am Nachmittag verbreitete die Polizeibehörde “Kavala” die Meldung, es seien aus der Versammlung massiv Steine und Flaschen geworfen worden. Das stellte sich als falsch heraus. Dass es eine friedliche Demonstration war, wurde von dort anwesenden Journalisten bestätigt.
Am 5. Juni wurde eine Mutter mit ihrem dreijährigen Kind in einem Shuttle-Bus zur Demonstration am Flughafen Laage verhaftet. Ihr wurde der absurde Vorwurf gemacht, sie hätte sich im Reisebus auf der Autobahn vermummt. Selbst das Kleinkind wurde in der Gefangenensammelstelle “erkennungsdienstlich behandelt”. Erst als der Kleine immer wieder den Kopf wegdrehte, ließen die Beamten vom Fotografieren ab.
Bei der fünften Polizeikontrolle auf dem Weg zum Flughafen wurde ein Auto von Demonstranten nach einer Durchsuchung von der Polizei manipuliert: Plötzlich fehlte die Sicherung der Einspritzpumpe, das Fahrzeug ließ sich nicht mehr starten. Währenddessen war die Gruppe von grinsenden Beamten umringt.
Wasserwerfer haben zum Teil bei Blockaden ohne Vorwarnung geschossen. Manche Demonstranten wurden von noch fahrenden Wasserwerfern von hinten niedergesprüht. Am 7. Juni hat der Einsatz am “West-Tor” bei Hinter Bollhagen zu mehreren Verletzungen, etwa der Augen oder des Trommelfells geführt. Zwei Aktivisten wurden schwer am Auge verletzt, einer liegt noch immer im Krankenhaus. Aufnahmen zeigen die lachende Besatzung eines eingesetzten Wasserwerfers.
Augenzeugen berichten, die Polizei habe auf die üblichen drei Warnungen verzichtet. Lediglich die umstehende Presse sei vom bevorstehenden Einsatz informiert worden. Trotz mehrfacher Aufforderung verwehrte die Polizei einen Zugang der Sanitäter zu den Verletzten.
Auch eine “Nackt-Demonstration” wurde mit Pfefferspray angegriffen. Der CS-Kampfstoff verteilte sich dabei über den ganzen Körper, was zu schweren Reizungen führte.
In der gesamten Stadt Rostock fanden massive Kontrollen statt. Personen wurden in Gewahrsam genommen weil sie z.B. Taschenmesser, G8-kritische Broschüren oder Halstücher mitführten. Bei einer der Kontrollen wurde Frauen in den Schritt gefasst und dabei anzügliche Geräusche gemacht. Auch nahe dem Camp Wichmannsdorf gab es sexistische Übergriffe. Eine Gruppe von Frauen musste sich am 5. Juni auf einem Parkplatz vor allen
anwesenden Polizisten ausziehen.
Beim Transport gab es weitere Misshandlungen, schildert ein Betroffener: “Die Polizisten nahmen mir die eng einschneidenden Handschellen noch mal ab, um meinen Rucksack abnehmen zu können und drohten mit Schlägen sollte ich mich bewegen. Zur Verdeutlichung rammte einer der Polizisten meinen Kopf mit Wucht gegen die Zellenwand. Als die Polizei mich und einen anderen Gefangenen schließlich in der Zelle ließ, wurden wir gewarnt, nicht miteinander zu sprechen, sonst würden er dafür sorgen, ‘dass wir nie wieder sprechen können’”.
“In einem Fall ist eine Einheit in eine an der Haltestelle stehende Straßenbahn gestürmt, hat alle verprügelt die schwarze Kleidungsstücke trugen und hat die Bahn sofort wieder verlassen”, schreibt der “Ermittlungsausschuß” nach einer Recherche am 4. Juni.
Viele Betroffene erhielten Platzverweise für Rostock und Bad Doberan. Häufig bekamen sie einen Vordruck ausgehändigt, auf dem die Zeilen “auf Widerspruch wurde verzichtet” und “rechtliches Gehör wurde gewährt” bereits angekreuzt waren. Eine Belehrung hat es in diesen Fällen nicht gegeben.
Quelle: linkszeitung.de


